Eine globale Analyse von 1.758 Schmetterlingsarten – rund zehn Prozent aller bekannten Arten – zeigt, dass 80 Prozent ihre Verbreitungsgebiete ausgeweitet haben. 79 Prozent der dokumentierten Verschiebungen stehen mit Klimawandel und Extremwetter in Zusammenhang. Laut der Mitteilung des iDiv (Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig) und der Monash University schrumpften gleichzeitig die Verbreitungsgebiete bei 27 Prozent der Arten, während 22 Prozent Veränderungen in ihrer Höhenverbreitung zeigten. Da Arten mehrere Arten von Verschiebungen gleichzeitig aufweisen können, überschneiden sich diese Anteile.
Für die bislang grösste Studie dieser Art werteten Forschende 6.182 dokumentierte Verschiebungen aus 105 Ländern aus. Grundlage waren englisch- und nichtenglischsprachige Fachliteratur sowie 68 Experteneinschätzungen.
Die Veränderungen zeigen sich weltweit unterschiedlich: Auf allen Kontinenten wurden Ausweitungen der Verbreitungsgebiete festgestellt, besonders häufig in tropischen Regionen. Rückgänge treten dagegen häufiger in gemässigten Gebieten wie Europa und Nordamerika auf. Höhenverschiebungen wurden fast ausschliesslich auf der Nordhalbkugel beobachtet.
„Wir haben festgestellt, dass sich die Verbreitungsgebiete von Schmetterlingsarten auf allen Kontinenten verschieben", wird Erstautor Dr. Shawan Chowdhury in der Mitteilung zitiert. „Das Ausmass ist erstaunlich – und die Veränderungen finden nicht nur in den gut untersuchten Regionen Europas und Nordamerikas statt." Schmetterlinge seien Frühindikatoren, so Chowdhury: „Wenn sich ihre Verbreitungsgebiete derart dramatisch verändern, deutet das auf tiefgreifende Veränderungen in ganzen Ökosystemen hin."
Monitoring mit grossen Lücken
Wie gut diese Veränderungen erfasst werden, unterscheidet sich stark von Land zu Land. In der Tschechischen Republik, Deutschland, Finnland, Luxemburg, Spanien und Schweden liegen für mehr als die Hälfte der heimischen Arten Daten vor. In den meisten anderen Ländern wurden mögliche Arealverschiebungen dagegen für weniger als zehn Prozent der Arten dokumentiert.
Auch in Deutschland zeigen sich deutliche Veränderungen. Wärmeliebende Arten wie der Karstweissling (Pieris mannii)und der Segelfalter (Iphiclides podalirius) profitieren vom Klimawandel. Durch die längere warme Jahreszeit können viele Arten zudem mehr Generationen pro Jahr hervorbringen. Gleichzeitig geraten empfindliche Feuchtgebietsarten wie der Hochmoor-Perlmutterfalter (Boloria aquilonaris) durch die Entwässerung von Mooren und intensive Landnutzung unter Druck. Damit beeinflussen sowohl der Klimawandel als auch die Landnutzung die Verbreitung der Schmetterlinge.
Die Einbeziehung nichtenglischsprachiger Studien und von Expertenwissen ermöglichte einen umfassenderen globalen Datensatz. „Die Arbeit von naturkundlichen Gesellschaften und Schmetterlingsexpertinnen und -experten [waren] enorm wichtig, um globale Muster der Schmetterlingsdiversität besser zu verstehen", wird Prof. Aletta Bonn, Forschungsgruppenleiterin am UFZ, bei iDiv und an der Universität Jena, in der Mitteilung zitiert.
Trotzdem bestehen grosse Datenlücken, vor allem in Zentralafrika, Südostasien, Neuguinea und im Amazonasbecken. Gerade diese Regionen gehören zu den globalen Biodiversitäts-Hotspots. „Die Studie trägt dazu bei, das Bild auszugleichen, zeigt aber auch den dringenden Bedarf an koordinierten Massnahmen, um die Monitoring-Bemühungen weltweit auszuweiten", so Seniorautor Dr. Guy Pe'er von iDiv und dem UFZ. Die Forschenden betonen deshalb, dass ein standardisiertes und mehrsprachiges Biodiversitätsmonitoring notwendig ist. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Naturschutzmassnahmen auf einer unvollständigen und verzerrten Datenbasis beruhen.