Der verbreiterte Flusslauf

Der verbreiterte Flusslauf kann im Falle einer Überschwemmung viel mehr Wasser aufnehmen. Rechts ist der Graben zu erkennen, worin bei intensivem Niederschlag das Wasser aufgefangen wird.

Der Aire-Kanal beim Dorf

Der Aire-Kanal beim Dorf Lully gehört nach Abschluss der Renaturierung der Vergangenheit an.

Die Aire nur wenige Meter

Die Aire nur wenige Meter weiter flussaufwärts. Der «Raum der kontrollierten Freiheit» gleicht nicht mehr einem Kanal und lässt die Aire ihren eigenen Weg suchen.

Derselbe Fluss in einem anderen

Derselbe Fluss in einem anderen «Garten». Auf dem Grobkies haben sich Wasservögel niedergelassen. Die an den Fluss grenzende Fauna schafft wiederum eine spezifische ökologische Nische.

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Ein Fluss wird zum Ereignis

Die Renaturierung der

Aire-Flusslandschaft im Kanton Genf wird mit dem Schult­hess-Gartenpreis 2012 ausgezeichnet. Seit 1998 würdigt der Schweizer Heimat­schutz besondere Leistungen auf dem Gebiet der Gartenkultur. Dieses Jahr geht der Schulthess Gartenpreis an die «Groupement Superpositions», eine interdisziplinäre

Arbeitsgruppe, die damit beauftragt wurde, die Aire zu renaturieren.

Dass die Renaturierung eines Flusses mit einem Gartenpreis gekürt wird, erscheint zunächst eigenartig. Doch ein Spaziergang entlang der Ufer der Aire lässt erkennen, was die Fachkommission dazu veranlasst hat, die Definition des Gartens auszuweiten. Wird dieser als inszenierte Natur verstanden, bietet die Aire-Flusslandschaft den Besucherinnen und Besuchern «eine Kette unterschiedlicher Gärten», wie dies der für das Projekt verantwortliche Architekt Georges Descombes ausdrückt.

Vom gradlinigen Kanal zur vielfältigen Gartenlandschaft

Die Aire, ein kleiner Fluss am südwestlichsten Zipfel der Schweiz, fliesst durch die Vororte von Genf und durchquert dabei intensiv genutzte Ackerflächen. Der in den 1940er-Jahren gebaute Kanal zeugte von den Bemühungen, das Gebiet südwestlich der Rhonestadt landwirtschaftlich optimal nutzbar zu machen. Noch vor wenigen Jahren bot die Aire das traurige Bild eines starren, gradlinigen, 4 km langen Betonkanals. Der unscheinbare Fluss führte jedoch immer wieder Hochwasser und erst 2002 zogen Überschwemmungen das Dorf Lully stark in Mitleidenschaft.

1998 lancierte der Kanton Genf ein Programm zur Renaturierung aller Flussläufe. Vorrangiges Ziel dieses Projektes war die Sicherheit von Personen und Gütern, die durch die Überschwemmungen immer wieder bedroht waren. Weiter sollte die Revitalisierung der Flüsse den ökologischen Ansprüchen gerecht werden und der Bevölkerung den Zugang zum Wasser ermöglichen. Aufgrund der wiederkehrenden Hochwasser und der miserablen Wasserqualität wurde die Renaturierung der Aire schliesslich in Angriff genommen. Die Ausschreibung war an die Bedingungen geknüpft, dass nur interdisziplinäre Teams teilnehmen können und die Interessen aller Beteiligter berücksichtigt werden müssen.

Ein Name wird zum Programm

Die «Groupement Superpositions» hat 2001 die Ausschreibung gewonnen. Die Gruppe kann interdisziplinärer kaum sein, besteht sie doch aus Landschaftsarchitekten, Biologen, Hydrologen und Umweltingenieuren. Der Realisierung des Projektes ist ein mustergültiger partizipativer Prozess vorausgegangen, bei dem sich Einwohner, Landwirte, Umweltorganisationen und Vertreter von Kanton und Gemeinden abgesprochen haben.

Der Name des Projektteams kommt dabei nicht von ungefähr. «Superposition» bedeutet im Französischen, dass etwas übereinandergelegt wird. Bildhaft drückt das Projektteam damit aus, dass es kanalartige und natürliche Elemente der Aire übereinanderlegen will. Die Renaturierung verfolgt also in keiner Weise das Ziel, den alten Kanal vollständig durch einen frei fliessenden Fluss zu ersetzen. An zwei Beispielen ist diese Verbindung besonders gut ersichtlich.

Einmal wird es dem Fluss an einigen Stellen erlaubt, einen eigenen Lauf zu finden. Diese Stellen sind jedoch, einem Kanal ähnlich, seitlich limitiert, was als «Raum der kontrollierten Freiheit» bezeichnet wird. Dann wurde ein Streckenabschnitt geschaffen, wo alte und neue Strukturen nebeneinanderliegen. Auf der einen Seite nimmt die Aire ihren natürlichen Lauf durch die Landschaft. Parallel dazu wurde auf wenigen hundert Metern der alte Kanal stehen gelassen. Darin bleibt das Wasser jedoch still, was wiederum eine spezifische ökologische Nische schafft. Die Pfade des alten Kanals dienen zudem als Promenade.

Ein Gedicht aus Wasser

Die Revitalisierung der Aire-Flusslandschaft vollzieht sich in vier Etappen, von denen die ersten beiden schon abgeschlossen sind. Im November 2010 wurde die zweite, für die Sicherheit der Menschen entscheidende Phase beendet.

Um die Bevölkerung vor Überschwemmungen zu schützen, wurde auf einer Strecke von ungefähr zwei Kilometern das Flussbett verbreitert, ein Abfluss­konzept für das Meteorwasser erarbeitet und eine neue Brücke gebaut. Eine lange, an den Fluss anliegende Grube dient zusätzlich dazu, Überschwemmungen zu verhindern. Bei starken Niederschlägen bildet sich darin ein See, der das Wasser langsamer ablaufen lässt. Das Projekt übertrifft damit die gesetzlichen Mindestanforderungen an den naturnahen Hochwasser­schutz bei Weitem.

Aufgrund des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung, dem sich der Kanton verpflichtet hat, werden neben den Sicherheitsaspekten auch Mehrwerte im Bereich Umweltschutz, Landschaftsbild und soziales Leben geschaffen.

Aus dem biologisch toten Fluss ist ein «poème de l’eau» (Georges Descombes) geworden, ein fliessendes Gewässer, das nicht nur als Naherholungsgebiet dient, sondern durch seine strukturelle Heterogenität auch einer reichhaltigen Fauna und Flora Platz bietet. Feuchte und trockene, offene und bewaldete Bereiche lösen einander ab. Pufferzonen verhindern, dass die Biotope zerstört werden. So werden Uferpromenaden abwechselnd auf der linken und der rechten Flussseite angelegt, wobei die jeweils gegenüberliegende Seite als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist. Auch Picknickplätze werden bereit gestellt. Sie sollen dazu einladen, diese von der Aire durchzogenen Gärten zu geniessen.

Die Renaturierung der Aire ist 2015
abgeschlossen

2015 soll die grösste Renaturierung, die jemals im Kanton Genf realisiert wurde, vollständig abgeschlossen sein. Dazu wird im Herbst dieses Jahres die dritte Phase eingeleitet. Auf einer Strecke von rund 1 km sollen in einem bis zu 80 m breiten Korridor entlang des Flusses die offenen und bisher intensiv bewirtschafteten Felder und Wiesen durch abwechslungsreiche Landschaftselemente wie Gräben, Hecken und Gehölz ersetzt werden. Uferböschungen werden mit Massnahmen des Lebendverbaus stabilisiert. Ein grossflächiges, mit Erlen und Pappeln aufgeforstetes Feuchtgebiet entsteht. Schliesslich soll ein grosses Auffangbecken den Hochwasserschutz vervollständigen und das flussabwärts gelegene Genfer Quartier Praille im Krisenfall schützen.

Signalwirkung des Gartenpreises

Bezogen auf die gesamten Projektkosten von 40 Millionen Franken ist die symbolische Bedeutung des Schulthess Gartenpreises weit wichtiger als die Preissumme von 25 000 Franken.

Der Schulthess-Gartenpreis

Jedes Jahr zeichnet der Schweizer Heimatschutz (SHS) herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Gartenkultur aus. Ausgezeichnet werden die Realisierung besonders qualitätsvoller Grünanlagen, die Erhaltung und die Pflege historisch wertvoller Gärten und Park­anlagen und Grundlagenarbeiten im Dienst der Gartenkultur. Der Preis will nicht nur vergangene Leistungen belohnen, sondern auch zukunftsgerichtete Wirkung erzeugen. Mögliche Preisträger sind Personen, Institutionen und Gemeinden.
Der SHS hat eine Begleitpublikation zur Arbeitsweise der Preisträger und zum ausgezeichneten Projekt herausgegeben. Bezugsquelle: www.heimatschutz.ch.
Detaillierte Ausführungen zum Aire-Projekt in französischer Sprache: etat.geneve.ch/dt/eau/zoom_aire-878-5157.html

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