In den frühen 1930-Jahren dokumentierten die Botaniker Josias Braun-Blanquet und Eduard Rübel die Pflanzenwelt Graubündens. Diese Daten dienen nun als Vergleich zu jenen, die Forschende und freiwillige Citizen Scientists über die aktuellen Vorkommen erfassen. So lässt sich nachvollziehen, welche Arten neu hinzugekommen oder verschwunden sind und wie sich ihre Verbreitung verändert hat.
Für die Erhebung ist das Forschungsteam des WSL unter anderem in sogenannten Blitzquadraten unterwegs. Dabei handelt es sich um 100 mal 100 Meter grosse Flächen, die je nach Standort ein- bis dreimal untersucht werden. Die gefundenen Pflanzenarten werden per Smartphone-App erfasst. In einem Blitzquadrat unterhalb des Jatzhorns bei Davos auf 2400 bis 2500 m ü. M. wurden mindestens 85 Arten festgestellt.
Auffällig sind einzelne Pflanzen in ungewöhnlich grosser Höhe. So wächst beispielsweise bei rund 2520 m ü. M. eine kleine Fichte. Drei Lärchen wurden bereits auf 2450 m ü. M. entdeckt. Nach Angaben des SLF ist die Waldgrenze in den vergangenen 50 Jahren aufgrund der wärmeren Sommer um rund 400 Höhenmeter gestiegen. Einzelne Bäume in diesen Höhenlagen könnten darauf hindeuten, dass sich die Vegetation weiter nach oben verschiebt.
Der Klimawandel wirkt sich allerdings nicht auf alle Pflanzen gleich aus. Viele Arten benötigen eine bestimmte Wärmesumme über das Jahr. Ist es sehr heiss, können sie diese nicht entsprechend nutzen. Für manche Pflanzen beginnt dadurch der Herbst früher.
Das Projekt «Flora Raetica» macht sichtbar, wie sich die Pflanzenvielfalt unter veränderten Bedingungen entwickelt und liefert langfristige Daten zur Veränderung der Alpenflora. Daran können sich auch Freiwillige beteiligen. Botanische Vorkenntnisse sind dafür nicht zwingend notwendig. Neben der systematischen Erfassung von Blitzquadraten sind auch einzelne Missionen möglich, etwa die Suche nach seltenen oder gefährdeten Arten.