Spielraum für die Fantasie dank vielfältiger Spielplatzlandschaft. Bild: Naturama Aargau

Keine Seltenheit: sterile Spielplätze mit stereotypen Spielgeräten.Bild: Gärten des Grauens

Das grüne Klassenzimmer fördert die Kreativität.

Als Naturerlebnisraum gestalteteter Spielplatz.

Naturnahe Gestaltung animiert.

Der Spielplatz der Schulanlage Boostock wird wie diese Anlage durch die gestalterische Handschrift von Iris-Spielwelten geprägt. Bild: Iris-Spielwelten

Auf dieser Grünfläche wird dieses Frühjahr ein naturnaher Spielplatz für Primarschülerinnen und -schüler des Schulhauses Boostock in Spreitenbach realisiert.

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Wie ein Tennis-Superstar spielerisch die Natur fördert

Letztes Jahr hat die Roger Federer Foundation in der Schweiz ein Projekt lanciert, bei dem Schulen mit einem hohen Anteil an benachteiligten Kindern einen naturnahen Spiel- und Pausenplatz erhalten. Projektpartner sind das Naturama in Aarau sowie die Schweizerische Gesundheitsstiftung RADIX. Die Auswertung erfolgt durch die ZHAW. «Kinder brauchen einen lebendig gestalteten Aussenraum, damit sie ihre geistigen, grobmotorischen und sozial-emotionalen Fähigkeiten besser entwickeln können», sagt Janine Händel, CEO der Roger Federer Foundation. 

Im Spreitenbach rollen im April die Bagger an. Dann wird der Pausenplatz der Primarschule Boostock ausgebaut und durch eine Kletter- und Balancieranlage ergänzt. In den bestehenden Baumbestand werden einheimische Sträucher integriert, so versetzt, dass verschlungene Wege entstehen: Orte, wo Kinder sich verstecken, spielen und die Natur erleben können. Zuständig für die ausführenden Arbeiten ist die Daniel Kalt Gartenbau GmbH alias smartgarden aus Spreitenbach. Dass der Aargauer Gartenbauer hier tätig sein wird, dass der Pausen- und Schulhofplatz überhaupt umgestaltet wird, hat direkt mit Roger Federer zu tun. 

Werbebotschafter Roger Federer

Seit letztem März ist Federer Werbebotschafter für Schweiz Tourismus. Allerdings wird die neue Funktion sein Vermögen nicht mehren. Das Geld leitet Federer vollumfänglich weiter an seine Stiftung und wird in Projekte in der Schweiz investiert. Zwar ist bekannt, dass die Förderstiftung den Jugendsport und mittellose Kinder unterstützt – dabei denken die meisten an das südliche Afrika. Doch auch die Förderung junger Menschen aus finanziell benachteiligten Verhältnissen in der Schweiz ist Stiftungszweck. Dafür investierte die Förderstiftung bisher 10 % ihres Jahresbudgets in Projekte hierzulande. Nun, durch Federers Zusammenarbeit mit Schweiz Tourismus, ist es noch mehr. Auch Gartenbauer profitieren davon, denn die Gelder werden für den Bau von naturnahen Spiel- und Pausenplätzen verwendet.

Kein Platz, der zum Spielen einlädt

Wer heute durch die städtischen Ballungsräume geht, sieht nur zu oft ideenlos gestaltete Spielplätze, wo über einer Schicht Rindenmulch eine Schaukel und bestenfalls eine Rutschbahn thronen. Schatten spendende Bäume gibt es nicht, eine Bepflanzung, die zum Entdecken des tierischen Lebens einlädt, ebenso wenig. Bei Bauvorhaben bestimmt die Bauverordnung der jeweiligen Kantone, ab welcher Grösse ein Spielplatz zwingend erforderlich ist. Und wie so oft der Fall, ist es eine Frage des Budgets des jeweiligen Bauunternehmers oder Architekturbüros, wie dieser Spielplatz letztlich aussehen wird. Und weil das Budget am Ende niemals reicht, wird gespart. Das Resultat: Rutschbahn und Schaukel auf Rindenmulch – nichts, das die Fantasie beflügelt oder die Kreativität von Kindern fördert. 

«Auch der Seele muss es gut gehen»

Dabei ist der pädagogische Wert die Sinne anregender und gut durchdachter Spiel- und Pausenplätze hinlänglich bekannt. «Bewegung ist das eine, aber auch der Seele muss es gut gehen», sagt Brigitte Bänninger, Projektleiterin Naturförderung beim Naturama. «Es braucht Möglichkeiten zur Naturbeobachtung, für kreatives Spielen mit natürlichen Materialien und auch die Option, sich zurückziehen zu können.» Janine Händel, CEO der Roger Federer Foundation, sieht es ähnlich. «Naturnahe Spielplätze animieren die Bewegungsfreude von Kindern. Hier können sie ihre kognitiven, grobmotorischen und sozial-emotionalen Fähigkeiten entschieden besser entwickeln als auf traditionellen Spielplätzen, die der Fantasie meist keinen Raum lassen.» 

Auch das Naturama berät 

In der Schweiz sind es nach aktuellem Stand 31 Spiel- und Pausenplätze, die bis spätestens September 2022 umgestaltet werden, 18 davon in der Deutschschweiz, 13 in der Romandie. Projektpartner sind neben der Roger Federer Foundation die Schweizerische Gesundheitsstiftung RADIX sowie das Natur­ama. Die wissenschaftliche Evaluation erfolgt durch das Ressort Forschung und Entwicklung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Wädenswil.

RADIX implementiert seit vielen Jahren die schweizweite Initiative «gesunde Schulen». Das Naturama setzt schon längere Zeit auf die Beratung und Begleitung von Schulen und Gemeinden im Aargau in puncto naturnaher Spiel- und Pausenplätze für die gesamtheitliche Entwicklung von Kindern. «Räume in unseren verdichteten Siedlungen müssen multifunktional sein. Spiel und Biodiversität gehen Hand in Hand», sagt Brigitte Bänninger. Gemeinsam mit Katja Glogner, Projektleiterin Bildung beim Naturama, ist sie Ansprechperson für die fachliche Beratung und die Einbettung des Spielraums in den Unterricht. «Aber es ist ein partizipativer Prozess. Kinder, Lehrpersonen, Gemeinden und Unterhaltsverantwortliche – alle sind beteiligt.» 

Sockelbeitrag 44 000 Franken

Im Aargau freut sich Hannes Schwarz von der Schulleitung Spreitenbach darauf, dass der Hof des Schulhauses Boostock bald umgestaltet wird. «Die Absicht, einen Spielplatz für die Primarschüler zu erstellen, bestand schon vorher», sagt er. «Wir planen den Spielplatz auf einer bestehenden Grünfläche auf dem Schulareal und vernetzen ihn mit dem vorhandenen Baum- und Strauchbestand. Diesbezüglich wurden wir vom Naturama Aarau beraten. Die Roger Federer Foundation kam uns mit ihrem Angebot natürlich sehr gelegen und erleichterte die Realisierung.»

Laut Janine Händel wird das Gros der involvierten Schulen von der Roger Federer Stiftung mit einem Baukostenbeitrag von je 44 000 Franken unterstützt. Für nachfolgende Pflege- und Unterhaltsarbeiten ist sie nicht zuständig. Allenfalls noch fehlende Gelder für den Bau und die Pflege müssen die Schulen selbsttätig akquirieren – über die Gemeinden, Förderer, Sponsoren. «An fast allen Standorten gab es zusätzliche finanzielle Unterstützung der Gemeinden oder Sachspenden wie z. B. von der Stadtgärtnerei, welche die Büsche und Steine beisteuert», freut sich Händel. Allerdings habe es auch Schulen gegeben, die weniger finanzielle Unterstützung, sondern nur das Fachcoaching wünschten. 

Ein gemeinsamer Prozess

Händel legt Wert darauf hervorzuheben, wie bedeutsam die Unterstützung durch Freiwillige und Förderer ist. Und natürlich auch die Partizipation von Eltern, Lehrenden und Schülerinnen und Schülern. Sie alle sind Teil des Umsetzungsprozesses. Brigitte Bänninger verdeutlicht: «Wir gehen stark auf das ein, was wir vorfinden. Wir schauen den Kindern zu, wie sie den Pausenplatz nutzen und wo sie was spielen. Die Kinder notieren und zeichnen auf, was ihnen gefällt. Was die Kinder nicht als spannend empfinden, wird hinterfragt.» Auch bei den baulichen Tätigkeiten ist geplant, dass die Schüler mitdenken und mithelfen. Später sollen die naturnahen Spielplätze mit ihren Ruderalflächen, Wildbienenhotels, Ast- und Steinhaufen, Wasserelementen, Stauden- und Kräuterbeeten auch als «grüne Klassenzimmer» dienen. 

«Die Vorschriften sind enorm»

Daniel Kalt, Geschäftsführer des Spreitenbacher Gartenbauunternehmens smartgarden, hat schon viele Spielplätze gebaut, teils im Team mit dem Wettinger Pionier für naturnahe Spielplätze norisk-nofun. 26 Jahre ist es her, dass Kalt sein Unternehmen gegründet hat, ein klassisches KMU mit vier Mitarbeitenden. Geplant wurde die Umgestaltung in Spreitenbach durch Iris-Spielwelten. Smartgarden verantwortet die Ausführung. Der Gartenbauer sieht es mit Freude, dass die Gemeinde in den letzten Jahren viel in Spielplätze investiert habe. «Im Quartier hat es mittlerweile eine relativ hohe Spielplatzdichte. Alle Spielplatzprojekte, die in den letzten Jahren umgesetzt wurden, weisen einen hohen Biodiversitätswert auf.» Er empfindet es als Glück, bei seinen Projekten mit ausgewiesenen Spielplatzbauern zusammenarbeiten zu können. «Die Vorschriften sind enorm.» Ein Gärtner seines Teams engagiert sich im ört­lichen Natur- und Vogelschutzverein und steuert sein Wissen für Projekte wie dasjenige in Spreitenbach bei. Für Kalt eine grosse Bereicherung. «Das Berufsbild hat sich geändert – zum Glück!»

Folgt eine zweite Runde?

In einer ersten Projektphase sei man davon ausgegangen, dass nur etwa 20 Umgestaltungen realisiert würden, sagt Händel. «Die sehr positive Resonanz auf die Ausschreibung im Spätwinter 2020 hat uns dann aber alle überrascht – und dafür gesorgt, grundsätzlich alle Schulen, die sich beworben hatten, zu involvieren.» Teil des Projektes ist zudem auch die Entwicklung eines umfassenden Leitfadens zur eigenständigen Nachahmung eines naturnahen Spielplatzes sowie eines pädago­gischen Dossiers für Lehrpersonen zur Nutzung der neuen Aussenräume. Die Materialien sind ab Juni 2022 der Öffentlichkeit zugänglich. Mehr Informationen können bei info-lu@radix.ch angefragt werden. Diesen April entscheidet die Roger Federer Foundation, ob es in den kommenden Jahren noch mehr naturnahe Spiel- und Pausenplätze geben wird.  |

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