Die Grün 80 spielte sich

Die Grün 80 spielte sich in einem historischen Landschaftsgarten ab. Die erhaltenen Elemente der Grün 80 selbst sind als Gartendenkmal bedeutsam.

Dokumente aus der Begleitausstellu

Dokumente aus der Begleitausstellung.

Gipfeltreffen der an der

Gipfeltreffen der an der Grün 80 Beteiligten (v.l.n.r.): Kurt Aeschbacher, Christian Stern, Hans-Peter Ryhiner und Moderatorin Karin Salm.

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Braucht es eine neue Gartenschau?

Ist die Gartenschau Grün 80 ein Erfolgsmodell für die Zukunft? Der BSLA, Bund Schweizer Landschaftsarchitektinnen und -architekten, lud aus Anlass des nationalen Gartenjahres zusammen mit weiteren Veranstaltern zu ­einer Tagung an den Schauplatz der Grün 80 ein, den Merian Gärten Botanischer Garten Brüglingen. Ins Bewusstsein gerückt wurde die Grün 80 als wichtiger Zeitzeuge und ihre Bedeutung als Gartendenkmal.

 

Die erste Gartenschau der Schweiz, die G59 in Zürich, markierte einen Aufbruch. Ernst Cramer (1898–1980) schrieb dazumal mit dem Garten des Poeten Geschichte. Wie Dr. Annemarie Bucher, Landschaftshistorikerin und Kunstwissenschaftlerin, eingangs deutlich machte, blieb «die Wirkung echter Innovation eher im Geheimen». Vielmehr lebte die erste Gartenschau der Schweiz im kollektiven Gedächtnis als Blumenlandi fort. Die G80, die in Zeiten des befürchteten Ökokollapses, der Umbruchphase von quantitativem zu qualitativem Wachstum sowie der Naturgartenbewegung fiel, wollte weder Blumenlandi noch Wegwerfausstellung sein, sondern eine Ausstellung der Natur. Vorgestellt wurde die G80 in den Medien denn auch als Ökoschau.Nach Bucher ist die G80 «ein Zeitzeuge für eine neu formatierte Umweltbeziehung». Als Protagonisten, die für den Haltungswandel in der Landschaftsarchitektur stehen, nannte die Referentin Louis Le Roy und Urs Schwarz.

Ergebnis des 1977 veranstalteten Ideenwettbewerbs mit interdisziplinären Teams war ein Konzept, das sechs thematische Sektoren definierte: Erde, grüne Universität, Säen und Ernten, Markt, Schöne Gärten sowie Land und Wasser als grössten Ausstellungsteil. Aus heutiger, an lange planerische Vorlaufzeiten gewohnter Sicht bemerkenswert erscheint der Zeitrahmen der Umsetzung, die zwei Jahre vor Beginn der Gartenschau startete. Immerhin war die Gartenschau in der Brüglinger Ebene in Bezug auf die flächenmässige Ausdehnung von 46 ha vergleichbar mit einer Landesausstellung. Die Kosten beliefen sich auf 60 Millionen Franken.

Wie die Vorrednerin plädierte Dr. Johannes Stoffler, auf Gartendenkmalpflege spezialisierter Landschaftsarchitekt, dafür, «die Geschichte der Grün 80, die ein Gartendenkmal von nationaler Bedeutung ist, aufzuarbeiten und den Schatz zu heben». Als Grund, weshalb die Grün 80 bislang noch nicht auf dem Radar der historischen Forschung war, wurde die zeitliche Nähe geltend gemacht.

Wie der Traum der Konzeptgruppe der Grün 80 von der ersten Ökologieschau weltweit mit den Bedürfnissen eines Berufsverbandes kollidierte und an der Machbarkeit scheiterte, wurde deutlich anhand der Ausführungen von Claudio Miozarri, Historiker, und des gezeigten Films. Der Dinosaurier als Symbol für die Folgen der Fortschrittsgläubigkeit wurde zur Hauptattraktion der Gartenschau, die 3,6 Millionen Besucherinnen und Besucher verzeichnete. Publikumsmagnet waren jedoch nicht die Bereiche mit Umweltthemen, sondern die «Schönen Gärten».

Nachnutzung der Grün 80

«Mit der G80 ist ein Stadtpark von neuer Dimension in der Brüglinger Ebene entstanden, der bis heute ein bedeutendes Erholungsgebiet geblieben ist – stadtnah und doch scheinbar weit weg», leitete der Direktor der Christoph Merian Stiftung (CMS) Dr. Beat von Wartburg seine Ausführungen zur Nachnutzung ein. Die Christoph Merian Stiftung ist Landeigentümerin der Merian Gärten. 2012 wurde der ursprüngliche Botanische Garten und einstige Merian Park mit dem Brüglingerhof zusammengeführt und zu den Merian Gärten vereint. 30 % der Flächen sind Naturschutzzonen und dienen der Biodiversität. Ein Teil der Sortenvielfalt ist eine Hinterlassenschaft der G80. Hierzu zählen das Rhododendrontal, der Arzneipflanzengarten, die grösste Irissammlung Europas sowie Clematis-, Pfingstrosen- und Fuchsiensammlungen. In Zusammenarbeit mit ProSpecieRara werden zudem Sammlungen und Versuchsgärten für Kulturpflanzensorten unterhalten. Ein weiteres Standbein sind die Naturbildungsangebote.

Studienwettbewerb angekündigt

«Der Nutzungsdruck wächst, der öffentliche Freiraum wird kleiner», so von Wartburg. Er betonte die Hebelwirkung, die die Investitionen der Grün 80 hatten. Seither habe die CMS 100 Millionen Franken investiert. In den Fokus rücken die Gärten in Vorderbrüglingen, die auf die G80 zurückgehen. Für die teilweise Neugestaltung ist ein Studienwettbewerb in Vorbereitung. Dabei werde es auch darum gehen, wie das historische Erbe der G80 in die Zukunft geführt werden könne und die Merian Gärten als «Insel im Strudel der Beschleunigung bewahrt» würden.

Voten der «Grün-80-Veteranen»

Das Podium unter der Leitung von Tagungsmoderatorin Karin Salm gehörte zunächst den «Veteranen der G80» mit Hans-Peter Ryhiner, Direktor der Grün 80, Kurt Aeschbacher, Marketingleiter der Grün 80, und Christian Stern, Sektorenplaner Wasser an der Grün 80. Mit Blick auf das Abstimmungsresultat in der Ostschweiz, wo das Stimmvolk vor Kurzem der Durchführung einer Landesausstellung 2027 eine Absage erteilte, konstatierte Ryhiner, dass es heute wie damals genauso schwierig sei, Menschen für eine Sache zu begeistern. «Die Angst, Risiken einzugehen, ist ein psychologischer Faktor, der unser Land prägt», stellte Aeschbacher fest, der im Rahmen der G80 zur «Hassfigur der Gärtner» geworden ist, sich für die neuen Ideen einsetzte und oft auch am Widerstand der Gärtner scheiterte. Auch Stern erinnert sich, dass sich GaLaBau-Firmen bedroht fühlten durch die veränderte Bewirtschaftungsweise. «Bis sie merkten, dass man mit Biotopen auch Geld verdienen kann.» Auch zur Frage, ob es eine neue Gartenschau braucht, bezogen die Macher der Grün 80 Stellung. «Heute würden wir dies anders anpacken, mehr im Sinn von Lausanne Jardins und nicht allein mit den Garten- und Landschaftsbauern», so Stern. Die Fokussierung auf ein Fest wertete Aeschbacher als Anstoss für Entwicklungen. Als Hinderungsgrund nannte Aeschbacher die gegenwärtig grosse Vielfalt an Themen. Der Marketingbeauftragte der Grün 80 erinnerte sich auch daran, dass die Hallen mit Blumen am meisten Zulauf hatten und diesem Aspekt Beachtung zu schenken ist.

Der anschliessende Themenblock befasste sich mit der Frage, unter welchen Bedingungen eine Gartenschau realistisch ist und welches Ausstellungsformat dafür infrage käme. Wie Dr. Claudia Moll, Co-Präsidentin des BSLA, zur Einführung aufführte, gab es bereits einige Anläufe, die allesamt gescheitert sind: 2005 die Terra in Opfikon Zürich, die Grün 19 in Bern sowie die Grün 22 in Glatttal. Anders präsentiert sich das Bild in der Westschweiz: Lausanne Jardins wurde bereits zum fünften Mal durchgeführt. Inspiriert von diesem Gartenfestival in der Stadt wurde 2014 erstmals «Genève – Villes et Champs» 2014 veranstaltet.

Erfolgsmodell Bundesgartenschau

Hauptberuflich mit der Durchführung von Gartenschauen beschäftigt sich Hanspeter Fass, derzeit als Geschäftsführer der Bundesgartenschau 2019. Der Landschaftsarchitekt kennt die Grün 80 als Besucher und zeigte sich beeindruckt von ihrem wegweisenden Konzept, sich nicht nur mit Gärten zu befassen. Die Bundesgartenschauen (Buga) sind in Deutschland ein Motor der Stadtentwicklung. Fass brachte hierzu einige Beispiele: Ohne Buga gäbe es keinen Westpark, keinen Killespark und ohne die Gartenschau in Kassel 1955 keine Documenta. Auf dem ehemaligen 600 ha gros­sen Flughafengelände in München wurden im Zuge der Buga München 2005 insgesamt 200 ha für Münchens grössten Stadtpark «aus dem Verteilkampf herausgenommen».

Der Referent räumte ein, dass das Image der Buga verstaubt und mit Bildern der Kleingartenidylle behaftet ist. «Der Begriff Gartenschau stimmt nicht mehr mit dem Inhalt des Produktes überein.» Vielmehr würden Bugas Zukunftsthemen wie Mobilität, Energie, Ressourcenschonung und demografischer Wandel aufgreifen. Als konkretes Beispiel nannte Fass die an der Buga 2011 in Koblenz präsentierte Seilbahn als zeitgemässes Fortbewegungsmittel im urbanen Raum.

Jede Gartenschau brauche ihren roten Faden, sagte der Gartenschauexperte vor dem Hintergrund der mehreren von ihm gemanagten Bugas. Für die Buga in Heilbronn, einer vom Krieg zerstörten Stadt
in einer wirtschaftlich starken Region, die durch schnelles Wachstum geprägt ist und ein wichtiges Zentrum für Zukunftstechnologien bildet, definierten die Planer Identifikation als Leitlinie.

Wirtschaft und Bürgerbeteiligung

«Bugas können viel bewirken in einer Stadt. Nur für sich selbst als Gartenschau, das funktioniert nicht», so Fass. Die Funktion einer Gartenschau als Motor für die Wirtschaft sollte betont werden, empfiehlt der Buga-Manager. «Jeder investierte Euro zieht das Sechs- bis Achtfache als Folgeinvestition nach sich.» Dabei sei die Hälfte der Investitionen in der Region geblieben. Mit so wenig Geld, so viel Mittelstandsförderung zu betreiben, das sei konkurrenzlos. Ein zentraler Punkt ist Fass’ Ausführungen zufolge die Bürgerbeteiligung. Der Bürger müsse sich ernst genommen fühlen. Die Arbeit des Buga-Managers werde zu seinem Bedauern oft nur an der Besucherzahl gemessen. Entscheidend sei jedoch: «Was passiert danach? Was entwickelt sich daraus?»

Die Wirkung von «Ausstellungsformaten als willkommenen Ausnahmezuständen» verdeutlichte Dr. Angelus Eisinger, Städtebau- und Planungshistoriker, anhand der Internationalen Bauausstellung (IBA). Ziel einer Ausstellung ist es seiner Auffassung nach, den Geist der Ausstellung in die Routine der Praxis zu übertragen.

Hoher Detaillierungsgrad der Machbarkeitsstudien schafft hohe Hürden

Weder ist ein Konzept von einer Buga auf die folgende übertragbar noch eignet sich das Modell der Bugas in Deutschland für die Schweiz. Was sind hiesige Realitäten? Martin Heller, erfahrener Ausstellungsmacher und Geschäftsführer der Expo 02, malte unter dem noch frischen Eindruck der gescheiterten Landesausstellung 2027 in der Ostschweiz, wo er als Berater tätig war, kein erbauliches Bild: Veränderung werde als Bedrohung wahrgenommen, die materielle Sättigung verhindere die Entwicklung, Dumpfheit mache sich breit. Weiter würden Nutzwert und Nachhaltigkeit im Kontext der Ausstellungen überbewertet. Kontrollierbarkeit, Transparenz und Nachhaltigkeit seien die drei Mantras. Landesausstellungen bräuchten jedoch keinen Nutzen zu bringen, gab er sich überzeugt. Hindernisse ortet Heller weiter beim komplizierten Vergaberecht, bei der Ökonomisierung sämtlicher Bereiche sowie beim fehlenden Engagement des Bundes. Der Segen der Visualisierung kann auch zum Fluch werden, wie Heller feststellt, «möchte man alles schon vorher sehen». Machbarkeitsstudien werden in einem hohen Detaillierungsgrad gefordert. Dabei zog er den Vergleich zu den in der Begleitausstellung präsentierten Handskizzen zur Sektorengestaltung an der Grün 80.

Heller ging in der abschliessenden Podiumsdiskussion zusammen mit Annemarie Bucher, Landschaftshistorikerin, Pascal Gysin, Master of Landscape Architecture, Peter Paul Stöckli, Landschaftsarchitekt BSLA, Konzeptgruppe und Sektorenplaner Grün 80, und Carlo Vercelli, Geschäftsführer JardinSuisse, der Frage nach, ob es eine neue Gartenschau in der Schweiz braucht. Er verwies auf das Projekt Schweiz 2050 der SIA, das die Nachverdichtung und den Flächenfrass thematisiert. Stöckli setzte vor dem Hintergrund der «Erfolgsereignisse G59 und Grün 80» ein Ausrufezeichen hinter die Notwendigkeit einer neuen Gartenschau, warnte aber vor Visionen. Sie seien den Schweizern suspekt. Eine Landesausstellung sei nicht mit einer Gartenschau vergleichbar und könne nachhaltig gestaltet werden. Auch Vercelli, dessen Verband sich durch die Grün 80 verschuldete und der als Vorstandsmitglied der Grün 19 in Bern den Abbruch des Projektes mit beschlossen hatte, machte sich für eine Gartenschau stark. Man sollte es anpacken, auf den Weg gehen, so Vercelli. Gartenbauer und Landschaftsarchitekten müssten sich jedoch öffnen für neue Themen, nötig sei eine interdisziplinäre Trägerschaft. Gysin, ehemaliger Präsident des BSLA, gehörte ebenfalls zu den Befürwortern. Die Veranstaltung sei ein Meilenstein. Nun gelte es, Netzwerke zu schmieden. Bucher plädierte dafür, andersartige Formate zu suchen, von der Landschaft aus zu denken. Als dringende Fragestellung erachtet die Landschaftshistorikerin die Landflucht und das Verganden alpiner Landschaften.

Ob die an diesem Podium gezündeten Funken der Begeisterung genügend Kraft haben werden, um einen Flächenbrand auszulösen, wird sich weisen. Zentral ist sicher auch, ob mit den Botschaften einer neuen Gartenschau ein Millionenpublikum wie damals bei der Grün 80 erreicht werden soll oder die Initianten sich an
einen kleineren Kreis wenden wollen, wie dies bei Lausanne Jardins gelungen ist. In letzterem Fall könnte nach dem Vorbild der Biennale für Architektur in Venedig ein Forum für Landschaftsarchitektur, Gartenbau und Urban Gardening als Lösung geprüft werden.

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