• Gastkolumne

Unter dem Pflaster liegt nicht nur der Strand* – von einsamen Bäumen und Mikromüll

Der öffentliche Raum ist ein begehrter Ort: Autostellflächen, Fahrradwege, Bänke, Schilder, Bushaltestellen, Kantonsstrassen und Quartierparks sollen dort einen angemessenen Platz finden. Wir sehen (und brauchen) all das täglich, und deswegen ist die grosse Herausforderung, die die Gestaltung des multifunktionalen Raumes darstellt, für jede Person leicht erkennbar. Unter die Bodenbeläge hingegen schauen wir seltener.

Das immer umfangreicher werdende Netz der Versorgungsstränge der modernen Stadt ist theoretisch bekannt und wird bei Erneuerungsarbeiten kurzzeitig auch sichtbar. Die praktischen Auswirkungen, die die zahlreichen Eingriffe in den Baugrund auf Bäume und Wasser haben, scheinen jedoch noch nicht ausreichend im öffentlichen Bewusstsein angelangt zu sein. Was zeigt ein genauerer Blick in diese unbekannte Welt?

Wieso gelingt es so selten, gesunde, dauerhafte Baumbestände in der Stadt zu schaffen? Das Erstellen einer dem Stand der Technik entsprechenden Baumgrube mit wurzelfreundlichem und strukturstabilem Substrat scheint nicht mehr zu genügen. Was fehlt denn bloss den Bäumen in der Stadt? Liegen die zunehmenden Probleme hauptsächlich an den steigenden (Luft-)Temperaturen? Vielleicht wird ein Teil der Antwort deutlich, wenn wir das relativ neue Wissen um die Kommunikation von Bäumen miteinander via ihr Wurzelsystem** mit der Betrachtung moderner Strassenbautechniken in Verbindung bringen. Täglich werden bei Stras-sensanierungen historische, oft noch «unerlaubt» durchwurzelte Unterbauten durch einen normgerechten Schotterkoffer ersetzt. Dort dringen Baumwurzeln nicht mehr ein. Der gar nicht so weit entfernte Nachbarbaum wird damit zum unerreichbaren Fremden. Leiden Stadtbäume an Einsamkeit? Bäume brauchen gegenseitige Hilfe: ein starkes Argument für die Anlage von miteinander verbundenen Baumgruben mit natürlicher Erde und vielen Mykorrhizen.

Ebenfalls unerkannt im Untergrund findet die Kanalisationssanierung statt. Die – wegen der bei Regen sonst überlaufenden Kläranlagen – gesetzlich vorgeschriebene Abwassertrennung ist heute fast flächendeckend umgesetzt. Allerdings gelangen nun mit Mikromüll belastete Niederschläge direkt in den See. Die nicht in Schlammabscheidern zurückgehaltenen Zigarettenkippen, Plastikfetzen oder achtlos in den Strassengully entsorgtes Schmutzwasser bilden gemeinsam mit den die Kläranlagen meist noch unbehindert durchlaufenden chemischen Mikro-verschmutzungen einen giftigen Cocktail im Wasser. In den letzten 60 Jahren hat es die Schweiz geschafft, ihre Flüsse und Seen vom sichtbaren, stinkenden Schmutz zu befreien. Nun muss es ans Unsichtbare gehen. Es gibt viel zu tun.

* Slogan der Situationistischen Internationale aus den 1960er-Jahren

** Das geheime Leben der Bäume, Peter Wohlleben, 2015

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