Friedhofsverwaltung heisst vor allem, die Lebenden zu begleiten. Im Hebräischen bedeutet das Wort «Friedhof» wörtlich «Haus der Lebenden». In diesem Sinn stehen die Projekte auf dem Friedhof Friedental in Luzern. Cornel Suter, ehemaliger Leiter der Friedhöfe Luzern und heutiger Leiter von Stadtgrün Luzern, begrüsste die Berufskolleginnen und -kollegen zur Erfa-Tagung auf dem Friedhof Friedental. Organisiert hat sie die Arbeitsgruppe Friedhof der Vereinigung Schweizerischer Stadtgärtnereien und Gartenbauämter (VSSG) gemeinsam mit Stadtgrün Luzern. Durch die naturnahe Pflege, so Suter, habe sich die Rolle der Friedhöfe gestärkt. Sie öffnen sich zunehmend für neue Nutzungen. Mit Stolz verwies er auf vier Beispiele solcher Zwischennutzungen, über die die Initiantinnen und Initianten bei den Führungen berichteten. Der 17 ha grosse Friedhof Friedental liegt am Stadtrand, eingebettet in die Landschaft mit Blick auf den Rotsee, und überrascht mit Zwischennutzungen wie «Stadtblüte», «Kräuterei» und «Marktgemüse» sowie dem schweizweit einzigartigen Friedhofscafé.
«Werde Erde»
Braucht es in der Schweiz, neben der Erdbestattung, die auf Schweizer Friedhöfen gemäss den Zahlen des BAFU nur noch einen Anteil von 10 % hat, und der Kremation mit einem Anteil von 90 %, eine dritte Bestattungsform? Ja, finden vier Frauen, die 2022 ein Projekt zur ökologischen Bestattung lancierten und den Verein «Werde Erde» gründeten, dem inzwischen mehr als 450 Mitglieder angehören. Der Name ist Programm: «Durch den sanften Prozess der Kompostbestattung werden Verstorbene in Erde transformiert», steht auf dem lilafarbenen Visitenkärtchen mit grossem schwarzem Kreislauf. Die Umweltwissenschaftlerin Lina Hänni hat über diese an den natürlichen Kreislauf angelehnte Bestattungsform ihre Bachelorarbeit verfasst. Die Erfa-Tagung Friedhöfe bot den Initiantinnen eine Plattform, um sich mit Fachleuten der Bestattungsbranche und den Friedhofsgärtnern zu vernetzen. Ursprünglich stammt die Kompostbestattung, die auch als Reerdigung oder Terramation bezeichnet wird, aus den USA. Dort ist sie seit 2019 unter dem Namen «Natural Organic Reduction NOR» in 13 Bundesstaaten legal. Auch in Europa gibt es erste Initiativen: In Deutschland ist die Kompostbestattung in Schleswig-Holstein im Rahmen eines Pilotprojekts erlaubt. In der Schweiz steht das Projekt derzeit in der Konzeptphase. Der nächste Schritt ist das Forschungsprojekt Funerary Lives an der hepia, mit VSSG sowie dem Verein Werde Erde als Projektpartner und unterstützt durch den Schweizerischen Nationalfonds. Zürich war erste Partnerstadt des Vereins Werde Erde, Genf und Biel sind mittlerweile dazugekommen. Parallel dazu wurde 2024 ein Postulat im Bundesparlament eingereicht und im Kanton Zürich eine Einzelinitiative gestartet.
Ablauf der Kompostbestattung
Terramation findet in speziell dafür eingerichteten Anlagen statt. Die thermoisolierten Terramationskammern ermöglichen die automatische Steuerung von Temperatur, Feuchtigkeit und Sauerstoffzufuhr. Die Verstorbenen werden auf Holzschnitzel gebettet, das Gefäss verschlossen und der mikrobiellen Zersetzung überlassen. Innerhalb von 30 bis 60 Tagen wandelt sich der Körper bei Temperaturen von bis zu 70 °C in Erde um. Die entstandene Erde wird gesiebt, um nicht abbaubare Rückstände sowie auch Teile wie Herzschrittmacher zu entfernen, und reift danach noch drei bis fünf Wochen. Das Volumen der Erde entspricht rund ein bis zwei Karettenladungen. Wie die Erde auf dem Friedhof beigesetzt wird, ist eine von vielen weiteren offenen Fragen.
Fachlicher Beirat des Vereins «Werde Erde» ist Rolf Steinmann. Der Fachexperte für Bestattungen der Stadt Zürich sieht in der Kompostbestattung ein Potenzial als sinnvolle Ergänzung zu Erd- oder Feuerbestattungen. Ein zentrales Problem der Erdbestattung würde entfallen: Viele Leichen verwesen nicht vollständig und bleiben als Wasserleichen erhalten, was teure Bodensanierungen erfordert. Steinmann betrachtet die «sanften und nachhaltige Methode» als Alternative zur Feuerbestattung, die von manchen als radikal oder belastend empfunden wird. Der Kreislaufgedanke, «dass es weitergeht», sei ein wesentlicher Grund, weshalb die Akzeptanz der Kompostbestattung steigen werde. Das zusätzliche Bestattungsangebot könne dazu beitragen, dass die Zahl der Beisetzungen auf dem Friedhof steigt und Friedhöfe Einnahmen generieren. Zürich, das mit der Eröffnung des ersten Schweizer Krematoriums im Jahr 1889 eine Pionierrolle einnahm, möchte diesen Weg mit der Terramation fortsetzen. Ungenutzte Friedhofsgebäude könnten dafür umfunktioniert werden.
Innovative Zwischennutzungen
Die Umnutzung war der Ausgangspunkt für die innovativen Zwischennutzungen auf dem Friedhof Friedental. Die «Stiftung Luzerner Feuerbestattung» übergab das alte Krematoriumsareal an die Stadt Luzern. Der Verein «Die Kräuterei» schlug ein Zwischennutzungskonzept vor, das 2020 umgesetzt wurde. Derzeit gibt es vier Vereine, die die frei stehende Fläche beim ehemaligen Krematorium für Gartenarbeiten nutzen. «Die Kräuterei» war der erste Verein, der dort Nutzpflanzen anbaute. Heute wird die Anlage von drei Parteien genutzt: dem Verein «Die Kräuterei», der einen grosszügigen Kräutergarten angelegt hat und pflegt, sowie den Gruppen «Hello Welcome», «Sentitreff» und «Stadtgemüse», die weitere Flächen bewirtschaften. Die Nutzung erfolgt auf Basis eines Pachtvertrags mit der Stadt Luzern. Die Flächen sind öffentlich zugänglich. Das Pflücken von Kräutern und Blumen ist ausdrücklich erlaubt. Künftig wird das integrative Gartenprojekt «Hello Welcome» das gesamte Feld übernehmen.
Slow Flowers von Stadtblüte
Auch Barbara Lantschner, gelernte Gärtnerin und Landschaftsarchitektin, fand in der Umgebung des denkmalgeschützten Alten Krematoriums Luzern einen passenden Ort für ihre Vision: Mit Blumen urbane Räume verschönern, Menschen und Pflanzen zusammenbringen und ihren Kundinnen und Kunden Slow Flowersmit nach Hause geben. Sie konnte einen Teil der brachliegenden Aussenflächen neu bepflanzen und vertreibt mit «Stadtblüte» lokal, saisonal, pestizidfrei angebaute Schnittblumen. Die Stadt biete ideale Voraussetzungen als Produktionsort. Bei genauerem Hinsehen liessen sich viele potenzielle Standorte ausfindig machen, so die Landschaftsarchitektin mit gärtnerischen Wurzeln. Aus diesen einst brachliegenden Flächen entstehen üppige Staudenpflanzungen mit ein- und mehrjährigen Blüten- und Wildstauden.
Zwei Mal pro Woche wird geschnitten und die Blumen im Atelier zu Sträussen für die rund 40 Blumenabonnements verarbeitet. Auch Floristikgeschäfte gehören zu den Abnehmern, ebenso werden Büros und Restaurants beliefert. Inzwischen befindet sich das Projekt im dritten Jahr. Stadtblüte ist ein Standbein, in einem 50 %-Pensum arbeitet Barbara Lantschner zudem in einem Landschaftsarchitekturbüro.
Das leerstehene Wasserbecken wird für «Yoga & Blumen»-Veranstaltungen genutzt: 60 Minuten Slow Flow Yoga mit Blumenbar. Die Teilnehmenden stellen an diesem Anlass selbst Blumensträusse zusammen.
Mobiles Friedhofscafé
Inspiriert von den Friedhofscafés in Berlin, die dort Teil einer neuen, offenen Friedhofskultur sind, startete Silvia Strahm Bernet gemeinsam mit fünf Frauen aus dem Arbeitskreis pensionierter Theologinnen eine Initiative für das in der Schweiz einzigartige Projekt eines Friedhofscafés. Auch dieses Projekt ist aus der Umnutzung des Krematoriumsareals hervorgegangen. Da sich das Areal selbst nicht für ein Café eignete, wurde ein alternativer Ort auf dem Friedhof gesucht. Der Platz unter der grossen Linde mit Blick auf den Rotsee bot sich an. Die Initiantinnen stiessen beim Leiter der Friedhöfe Luzern, Pascal Vincent, auf offene Ohren: Er erkannte darin die Chance, den Friedhof noch stärker zu einem Ort der Begegnung zu machen. Favorisiert wurde ein mobiles Café, bestehend aus einem Wagen mit Kaffeemaschine, Kühlschrank und Geschirr sowie drei kleinen Tischen mit zwölf Stühlen. Mehr Tische soll es nicht geben, erklären die Initiantinnen: «Zusammensitzen ist fruchtbar für Gespräche.» Nach Betriebsschluss wird das Mobiliar abgeräumt und in einer Box verstaut.
Das Friedhofscafé unter der Linde ist bei trockenem Wetter von Mai bis Juli sowie von Ende August bis Ende September an drei Nachmittagen pro Woche geöffnet und wird von Freiwilligen betrieben. Pascal Vincent sprach von den bürokratischen Hürden, die es bis zur Eröffnung des Cafés zu überwinden galt: «Die Dokumente füllen einen halben Bundesordner.» Der Cafébetrieb soll die Würde des Ortes jederzeit wahren. Bestattungen haben stets Vorrang – in diesen Fällen bleibt das Friedhofscafé geschlossen. Bislang äusserten nur wenige Menschen Bedenken im Hinblick auf die Totenruhe. Der Pilotbetrieb war erfolgreich, das Friedhofscafé hat sich etabliert. Die meisten Besuchenden empfinden das Café als Bereicherung für den Friedhof.
Einblick in Betrieb und Organisation
Der Friedhof Friedental ist die zentrale Begräbnisstätte der Stadt Luzern. Hier befindet sich die Friedhofsverwaltung, die für alle fünf städtischen Friedhöfe zuständig ist; auch ein muslimischer sowie ein jüdischer Friedhofsteil zählen dazu. Friedental ist Anlaufstelle für alle Fragen rund um Sterben und Tod. Sie bietet umfassende Beratungsgespräche zur Vielfalt an Bestattungsangeboten mit insgesamt 21 verschiedenen Grabformen. Interessierte können sich frühzeitig informieren und – ähnlich wie bei einer Patientenverfügung – Wünsche für die eigene Bestattung festhalten, um Angehörige später zu entlasten. In den letzten Jahren wurde in der Friedhofsverwaltung gezielt in die Digitalisierung investiert. So erleichtert eine digitale Grabsuche Angehörigen das Auffinden von Grabstätten. Mithilfe eines WEB-GIS-Systems ist jedes Grab exakt eingemessen. Seit 2024 erfolgt die gesamte Verrechnung über das System I-Web.
Für Einwohnende der Stadt Luzern sind Erdbestattungen und Urnenbeisetzungen in Reihengräbern sowie Kremationen kostenfrei. Die Ruhezeiten betragen für Urnengräber zehn Jahre, für Erdbestattungen 20 Jahre. Für rund 700 Gräber bestehen Grabpflegeverträge. Auch Gartenbaufirmen führen Grabpflege auf dem Friedhof Friedental aus.
Die Stadt Luzern trägt seit 2020 das Label «Grünstadt Schweiz Gold». Seither wird vollständig biologisch produziert, der Betrieb ist mit der Bio-Suisse-Knospe zertifiziert. Eine besondere Herausforderung ist z. B. die torffreie Produktion von Calluna. Hier wird nach Alternativen gesucht. Das Herbstsortiment wird in einem Positionspapier der VSSG überarbeitet, das 2026 erscheinen soll. Die zunehmende Hitze, mit Temperaturen von über 30 °C bereits im Mai, macht es erforderlich, traditionelle Frühjahrspflanzen für den Grabschmuck wie Viola zu überdenken. Auf den erhaltenswerten 1000 Gräbern auf dem Friedhof Friedental wurde bereits auf trockenheitsresistente Staudenmischpflanzungen umgestellt. Diese Gräber werden extensiv gepflegt und nicht mehr bewässert. Ökologische Aspekte spielen auch beim Unterhalt der Kiesbeläge auf Plätzen eine Rolle. Das Abflammen, für das jährlich 400 l Gas verbraucht worden sind, wird zunehmend reduziert. Stattdessen wird vermehrt der Bewuchs toleriert.
Aus der Vielfalt der Grabformen wurden beim Rundgang einige vorgestellt. Dazu gehören die 1922 eröffneten Hallengräber, die Platz für einen Sarg und acht Urnen bieten und als Familiengräber genutzt werden. Seit 2015 gibt es zudem ein Gemeinschaftsgrab für Erdbestattungen, das von einer Staudenmischpflanzung begleitet wird und über eine Namensplatte verfügt. Naturnah präsentiert sich zudem auch das Eichenwaldgrab. Auch Baumgräber, in denen bis zu 15 Urnen rund um einen Baum beigesetzt werden können, sind Teil des vielfältigen Angebots an Grabformen.
Aufgehobene Reihengräber werden mit einer Wiesenmischung eingesät und von eingemieteten Friedhofsschafen beweidet: Von April bis September beleben die drei bei Gross und Klein beliebten Schafe den Friedhof. |