Überraschte Blicke begleiteten die offizielle Feier zum Abschluss der Bauarbeiten am letzten Abschnitt des Erlenmattparks. Wir stehen im nördlichsten Kleinbasel, fast an der Grenze zu Deutschland, und blicken in eine weite Kiesebene mit grossen Steinquadern, Fusssteg und abgestorbenen Baum wurzeln. Ein ausgetrocknetes Flussbett oder eine Halbwüste als neuer Parkabschnitt? «Es könnte heiss werden im Sommer», bemerkt ein Besucher.
Trotz der Zweifel wirkt das Setting zwischen Autobahnbrücken, Industriearealen und Baukranen stimmig. Fuss und Velowege verbinden den Erlenmattpark direkt mit dem Landschaftspark Wiese. Die Weite, die Industrievergangenheit und der dumpf rauschende Autobahnverkehr verleihen dem Ort eine Atmosphäre, die sich deutlich von einem konventionellen Stadtpark unterscheidet.
Zwischen Stadt und Landschaftspark
Der Park ist mit rund 5,8 ha einer der grössten Pärke, die in jüngster Zeit in BaselStadt realisiert wurden. Er zieht sich als grüne Lunge von den Autobahnbrücken im Norden durch das Quartier nach Süden und endet bei der Grünanlage «Im Triangel», wo die Stadt Basel Versickerungsmassnahmen umgesetzt hat. Je nach Funktion sind die einzelnen Grünbereiche unterschiedlich zugänglich und gestaltet. Sie bieten Naherholungs und Begegnungsräume für Kinder, Familien, Jugendliche und Senioren – so wie Naturschutzflächen.
Da ist die grosse, offene Spielwiese, begrenzt von einer Baumallee auf der einen und offen zu den Wohnbauten auf der anderen Seite. Da sind urbane Stadtpärke wie der MaxKämpfPlatz, verschiedene Kinderspielplätze, Wäldchen mit öffentlicher Feuerstelle, Rad und Spazierwege. Dazu kommen die Grün und Freiflächen zwischen den Neubauten. Mittlerweile leben im Erlenmattquartier mehr als 3000 Personen in rund 1500 Wohnungen. Die letzten zwei Gebäude stehen kurz vor der Fertigstellung.
Der Park repräsentiert einen neuen Typus Stadtpark. Anders als konventionelle Stadtpärke wie der Schützenmatt oder der Kannenfeldpark entstand der Erlenmattpark am Stadtrand in einem Transformationsareal. Er ist weder Landschafts noch Stadtpark, sondern ein Park, der Naherholung und Naturschutz verbindet.
Park statt Dichte
Das rund 19 ha grosse Areal an der deutschen Grenze, zwischen Nordtangente, Schwarzwaldallee, Erlenstrasse und Riehenring, war über hundert Jahre Teil des Güter und Rangierbahnhofs der Deutschen Bahn (DB). Aufgrund seiner abgeschlossenen Nutzung blieb das Gelände für die Bevölkerung lange eine Terra incognita. Mitte der 1990erJahre stellte die DB den Güterumschlag in Basel ein. Ab 1998 wurde das Areal frei für zukünftige Nutzungen. Für den Kanton war das Areal bedeutend: Es handelt sich um eine der letzten grossen, unbebauten urbanen Bauzonen und damit um ein wichtiges Entwicklungsareal für Grün- und Freiraumflächen.
In dieser Zone eine grössere Grünfläche zu realisieren, war kein Selbstläufer. Zwar organisierte der Kanton einen städtebaulichen Ideenwettbewerb, doch bereits nach der ersten Wettbewerbs runde zeichnete sich das Bedürfnis nach grosszügigeren Grün und Freiräumen ab. Die Begleitgruppe aus dem Mitwirkungsprozess der städtebaulichen Wettbewerbe setzte sich konsequent für eine Anpassung der Planung ein. Im Verlauf des Prozesses wurde das städtebauliche Konzept grundlegend überarbeitet: Die vorgesehene dichte Bebauung wich der Parkfläche. Dafür wurden die angrenzenden Baufelder intensiver genutzt. Finanziert wurde diese Entwicklung über Mittel aus der Mehrwertabgabe, die zur Schaffung und Aufwertung von Grün- und Freiräumen eingesetzt werden. Rund 27 Mio. Franken flossen in den Landerwerb und die öffentlichen Grünflächen.
Naturschutz prägt Quartierkonzept
Die frühere Nutzung als Güterbahnhof und der hohe ökologische Wert des Areals waren ausschlaggebend dafür, dass der Naturschutz für die Parkplanung zentral wurde. Im Bereich der Gleise hatten sich über ein Jahrhundert lang wertvolle Lebensräume für seltene Pflanzen und Tiere entwickelt. Offene Schotterflächen, nährstoffarme Böden und die starke Sonneneinstrahlung boten ideale Bedingungen für eine Ruderalflora und Pionierpflanzen. Nach der Einstellung des Bahnbetriebs wurden zahlreiche schützenswerte Arten festgestellt, die auf den Roten Listen der gefährdeten Arten geführt werden.
Mit der Umnutzung zum Wohnquartier gingen diese Ruderalflächen zwar verloren, gleichzeitig dienten sie aber als Inspiration und Grundlage für die Gestaltung des neuen Parks. Heute hat die Natur auf rund zwei Dritteln der Parkfläche Vorrang vor allen anderen Nutzungen. Naturschutz, Naturschonzonen und ökologische Vernetzungskorridore wurden früh definiert und in die Planung integriert. Schattige Parkbereiche wechseln sich mit Spielwiesen und spärlich bewachsenen, warmen und trockenen Schotterflächen ab, die für die Artenvielfalt wichtig sind. Diese Gestaltung ermöglicht, dass die seltenen Tier- und Pflanzenarten des ehemaligen Güterbahnhofs in geeigneten Lebensräumen langfristig überleben können. Besonders die jüngst fertiggestellte Bauetappe im Norden bildet mit Naturschutz und Schonzonen die bedeutendste Naturschutzfläche des Parks.
Ruderalflächen und Geländekissen
Das für die Parkgestaltung verantwortliche Büro Raymond Vogel Landschaftsarchitektur entwickelte dafür die Grund lagen. Durch das Konzept der Geländemodellierung – der Schaffung von «kissenartigen Erhöhungen» – entstand den unterschiedliche Entwicklungsstu fen für die Naturbesiedelung. Offene Schotter und Kiesflächen, steile Böschungen und strukturreiche Lebensräume bieten heute geeignete Bedingungen für seltene Tier und Pflanzenarten. So tragen die Böschungen, wie sie in der «Flussebene» realisiert wurden, zur Steuerung der Besuchenden bei und schonen die wertvolle Naturfläche. Das erklärt Christoph Hügli, Co-Leiter Fachbereich Natur + Landschaft bei der Basler Stadtgärtnerei, während der Führung durch den neuen Parkbereich. «Besonders in diesem Abschnitt haben Naturschutzinteressen in Form von Magerwiesen und Steinstrukturen Vorrang vor klassischer Bepflanzung», sagt Hügli und weist auf den Steg. «Damit wollen wir ein respektvolles Miteinander von Mensch und Natur schaffen.» Der Steg erlaube einen ungestörten Umgang mit der grossen, zusammenhängenden Fläche. Die artenreiche Flora der frühen Eisenbahnbrache wird dort gedeihen. «Nach der Einsaat einer regionalspezifischen Saatgutmischung wird die Ebene zu einer artenreichen Wiese», prophezeit Hügli.
Zwischen Nutzung und Naherholung
Am Eröffnungsabend kommt der neue Abschnitt beim Publikum gut an und wird schnell in Beschlag genommen. Während die einen über den Steg spazieren, entdecken andere neue Spielmöglichkeiten: Quer durch das vermeintliche Flussbett rennend, nutzt eine lebhafte Kinderschar die Böschung zum Klettern. Wie lässt sich diese Nutzung mit der Naturschutzvorgabe «artenreiche, ungestörte Wiese» vereinbaren?
Eine klare Nutzungs und Standortdifferenzierung macht es möglich, dass der Park nicht überall gleich intensiv genutzt wird und sich Naturschutz und Naherholung nicht in die Quere kommen: «In den letzten 15 Jahren konnten wir im Park Erfahrung sammeln, wie Naturschutz mit der intensiven Nutzung eines Stadtparks einhergehen kann», erklärt Hügli. Entscheidend sei die Nutzungslenkung. «Intensive Freizeitnutzungen konzentrieren sich auf die südlichen Teile der Parkanlage.» Dort finden sich auch die Bauminseln mit Spiel und Erholungseinrichtungen und einer spärlichen Möblierung. Der mittlere und der nördliche Teil des Parks mit den kargen Schotterplateaus sind der Natuschutzzone zugewiesen – die Natur steht im Vordergrund.
Differenzierte Parkpflege
Ziel sei es, eine Vielfalt an Lebensräumen in verschiedenen Entwicklungsstadien zu fördern. Die Parkpflege erfolge deshalb differenziert. «Der Grossteil des Parks wird extensiv gemäht oder es werden Schafe eingesetzt.» Ein wichtiger Bestandteil der Pflege sei die Entfernung invasiver Neophyten. Als sehr erfolgreich habe sich die Nutzungslenkung sowie die Gestaltung mit den «Kissen» erwiesen. Dazwischen habe sich ein in formelles Wegsystem mit einer extensiven Nutzung entwickelt.
Die zunehmend intensive Parknutzung bleibt eine Herausforderung. Der Park kompensiert die hohe Dichte des benachbarten Wohnviertels Rosental so wie die dichten, wenig durchgrünten Quartiere Klybeck und Matthäus. «Bei negativen Auswirkungen auf die Natur werte reagieren wir mit Lenkungs- und Sensibilisierungsmassnahmen», zeigt sich Hügli zuversichtlich.