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dergartenbau - Heft Nr. 06/2019
Dienstag, 12. März 2019

Von Gärtnern für Gärtner – wo steht Grüne Berufe Schweiz heute?

Barbara Jörg. Bild: zvg
 
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Vor 20 Jahren wurde Grüne Berufe Schweiz (GBS) gegründet. Der Verband feiert sein Jubiläum mit verschiedenen exklusiven Veranstaltungen. Wir wollten von GBS-Präsidentin Barbara Jörg wissen, wo die Arbeitnehmervertretung an ihre Grenzen stösst, weshalb es heute so schwierig ist, neue Mitglieder zu finden, und auf welche Errungenschaften sie besonders stolz ist.

 

Der Verband Grüne Berufe Schweiz ging 1999 aus der Fusion des Schweizerischen Gärtner-Verbandes (SGV, 1909 gegründet) und des Schweizerischen Berufsgärtnerverbandes (SBGV, 1938 gegründet) hervor. Beide Verbände hatten sich schon vorher den gleichen Zielen verschrieben: der Förderung des Gärtnerberufes im Allgemeinen und die Vertretung der Arbeitnehmenden im Speziellen. Fortan wollte man sich gemeinsam für die Erhaltung, Förderung und Besserstellung des Berufsstandes einsetzen. 

 

dergartenbau: Welche Bezeichnung ist Ihnen am liebsten? Ist Grüne Berufe Schweiz eine Gewerkschaft, ein Arbeitnehmendenverband, eine Arbeitnehmerorganisation, ein Branchenverband oder ein Berufsverband für Gärtner und Gärtnerinnen? 

Barbara Jörg: Ich bevorzuge den Begriff Arbeitnehmendenverband. So ist klar, für wen wir uns einsetzen. In unserer Branche werden mit dem Begriff Gewerkschaft häufig die Aktivitäten der Unia assoziiert. Laut Wörterbuch ist eine Gewerkschaft eine «Organisation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zur Durchsetzung ihrer – sozialen – Interessen». So gesehen ist GBS schon auch eine Gewerkschaft.

 

Grüne Berufe Schweiz engagiert sich für bessere Arbeitsbedingungen der Gärtnerinnen und Gärtner. Was wurde in den vergangenen 20 Jahren erreicht? Welches sind die wichtigsten Errungenschaften? 

Für mich ist jeder Schritt, der zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen beigetragen hat, eine wichtige Errungenschaft. Zwei möchte ich hier speziell erwähnen: Da ist zum einen die Allgemeinverbindlicherklärung des Gesamtarbeitsvertrages in den Kantonen Baselland und Basel-Stadt. Und zum anderen der erst kürzlich allgemeinverbindlich erklärte Gesamtarbeitsvertrag im Kanton Schaffhausen.

 

Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf? Was sind die aktuellen Hauptforderungen der GBS?

Die Allgemeinverbindlicherklärung des Gesamtarbeitsvertrages muss nun in der ganzen Schweiz umgesetzt werden. Damit müssten sich alle Arbeitgebenden an die ausgehandelten Arbeitsbedingungen halten und nicht nur die Arbeitgebenden, die Mitglied bei JardinSuisse sind.

 

Ist das Ziel eines allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsvertrages für die Grüne Branche überhaupt realistisch? Auf Arbeitnehmer- wie auch auf Arbeitgeberseite ist der Organisationsgrad doch nach wie vor ungenügend. Von welchem Zeithorizont gehen Sie denn aus?

Ich kann nur wiederholen: Ein allgemeinverbindlicher Gesamtarbeitsvertrag ist weiterhin das oberste Ziel, das wir erreichen möchten. Dass es beim Organisationsgrad aufseiten Arbeitnehmende wie auch Arbeitgebende noch hapert, lässt sich nicht wegdiskutieren. Derzeit steht aber der flexible Altersrücktritt an. Falls dieses Ziel erreicht wird, haben wir bereits wieder einen grossen Schritt nach vorne getan. Über den Zeithorizont kann ich keine konkreten Angaben machen.

 

Der Verband GBS ist der einzige Sozialpartner des Unternehmerverbandes JardinSuisse und wird von diesem als konzilianter, konstruktiver und fachkompetenter Partner geschätzt, der Verständnis für die Besonderheiten der Branche zeigt. Werden die Verhandlungen in der Sache dennoch hart geführt? Bei welchen Themen erleben Sie die grössten Widerstände?

Eine gelebte Sozialpartnerschaft bedeutet für uns, dass die Verhandlungen hart, aber fair geführt werden. Sämtliche Themen, die den Betrieben Mehrkosten bringen, stossen auf grossen Widerstand bei den Arbeitgebenden. Wollen wir die Branche aber vorwärtsbringen und gute Fachkräfte in der Branche halten, muss es hier unbedingt vorwärtsgehen. 

 

Seit Jahren driften die Löhne der verschiedenen Fachrichtungen auseinander. Die Kluft zwischen Garten- und Landschaftsbau sowie Produktion und Endverkauf wird immer grösser. Auch die wöchentlichen Arbeitszeiten sind unterschiedlich. Kämpft Grüne Berufe Schweiz für eine Angleichung der Fachrichtungen oder wird hingenommen, dass sich diese Entwicklung fortsetzt?

Wir versuchen, die Arbeitsbedingungen für alle Fachrichtungen möglichst auf gleicher Ebene zu halten. Bei den Löhnen sieht das anders aus. Die Produktionsbetriebe stehen unter starkem Druck wegen der Konkurrenz aus dem Ausland. Viele Gärtnereien schliessen. Dies geschieht häufig mangels Nachfolgeregelung, wobei die ungenügende Rentabilität auch eine Rolle spielt. Leider haben wir aktuell kein Erfolgsrezept, wie sich diese Situation verbessern liesse. 1947 riefen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände zum Boykott von Südländerblumen auf, um den Preiszerfall zu verhindern. Grossverteiler sollten gemieden und Betriebe, die solche Blumen verkauften, dem Sekretariat gemeldet werden. Das würde heute nicht mehr funktionieren, wir können die Globalisierung nicht aufhalten.

 

Die Gewerkschaft Unia meldet immer wieder den Anspruch an, bei der Verhandlung des Gesamtarbeitsvertrages ebenfalls am Tisch sitzen zu wollen. Wie steht Grüne Berufe Schweiz dazu?

Die Unia vertritt wie GBS die Arbeitnehmenden. Die Ziele sind ähnlich, doch die Methoden zur Erreichung sind sehr unterschiedlich. Die Arbeitgebenden lehnen eine Zusammenarbeit mit der Unia vehement ab und das akzeptieren wir von unserer Seite.

Weshalb sollen Arbeitnehmende dem Verband Grüne Berufe Schweiz beitreten? Welche Vorteile bietet eine Mitgliedschaft?

«Wir sind so stark wie du mit uns» lautet der Slogan auf unserem neuen Flyer. Je mehr Arbeitnehmende wir sind, desto mehr können wir erreichen. Wer zum Beispiel Probleme am Arbeitsplatz hat, kann sich bei uns melden und wir beraten ihn oder sie.

 

Seit Jahren unternimmt Grüne Berufe Schweiz grosse Anstrengungen, neue Mitglieder zu werben. Wie erklären Sie sich die Schwierigkeit, Gärtnerinnen und Gärtner für einen Beitritt zu gewinnen?

Viele Vereine haben Mühe, Mitglieder zu gewinnen, da sind wir keine Ausnahme. Der Solidaritätsgedanke ist bei vielen Menschen nicht mehr vorhanden. Jene, denen es gut geht, sehen keine Notwendigkeit zur Mitgliedschaft. Dabei geht dann halt vergessen, dass es andere gibt, denen es nicht so gut geht oder dass man selber ganz schnell in eine ungemütliche Lage kommen könnte. Obwohl es unsere Vorgängerverbände bereits seit 1909 gibt, kennen wir bei den Gärtnerinnen und Gärtnern keine Gewerkschaftstradition.

 

Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt in der Grünen Branche umgestalten. Für Arbeitnehmende dürfte es künftig enorm wichtig sein, sich neue Kompetenzen anzueignen, um die eigene Arbeitsmarktfähigkeit zu erhalten. In welcher Rolle sieht sich der Verband GBS angesichts der zu erwartenden Veränderungen?

Wir versuchen den Arbeitnehmenden aufzuzeigen, wie wichtig die stetige Weiterbildung ist, um mit den Veränderungen mithalten zu können. Aus diesem Grund organisieren wir eigene fachliche Weiterbildungen, aber auch Kurse in Zusammenarbeit mit andern Partnern. Am Ende ist aber jeder für sich und seine Karriereplanung selbst verantwortlich. 

 

Zum 20-Jahre-Jubiläum sind verschiedene spezielle Veranstaltungen angekündigt. Auf welche freuen Sie sich am meisten?

Es sind alles sehr interessante und unterschiedliche Veranstaltungen, und ich werde einige besuchen. Ganz besonders freue ich mich auf den Besuch bei Meteo-SRF. Das Wetter spielt in unserem Beruf ja eine Hauptrolle.

 

Wir lassen Sie zum Abschluss dieses Interviews noch ein wenig von der Zukunft träumen. Wo steht Grüne Berufe Schweiz in 20 Jahren? Was wird bis dann erreicht sein?

Ich wünsche mir, dass sich Grüne Berufe Schweiz in den nächsten 20 Jahren weiter professionalisiert. Ausserdem soll national der allgemeinverbindliche Gesamtarbeitsvertrag abgeschlossen sein und der flexible Altersrücktritt soll auch in Kraft sein – all das allerdings nicht erst in 20 Jahren. |

Interview: Claudia-Regina Sigg, Redaktion
 

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